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Massimo Rocchi macht sich Gedanken über die Fasnacht – «Der Narr ist der König der Worte»

Er ist Schauspieler, Poet, Pantomime, Komiker, Humorist, ortakrobat, Satiriker und seit neuestem sogar ein Doktor. Massimo Rocchi lebt in der Fasnachtsstadt Basel und macht sich im exklusiven DURST-Interview so seine Gedanken über die närrische Zeit. Besonders angetan ist er vom «Morgestraich», der ihm jeweils einen «mystischen Moment» beschert.

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Massimo Rocchi ist kein typischer Fasnächtler. Er hat sich aber schon viele interessante Gedanken über die Tage gemacht, die für viele Menschen die schönsten des Jahres sind.

Massimo Rocchi ist kein typischer Fasnächtler. Er hat sich aber schon viele interessante Gedanken über die Tage gemacht, die für viele Menschen die schönsten des Jahres sind.

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Sie sind in Italien aufgewachsen, wohnten auch schon in Bern und leben heute in Basel. Wo feiern Sie Fasnacht?
Während der Fasnacht bin ich dieses Jahr unterwegs, auf der Bühne. Aber die Basler Fasnacht habe ich natürlich schon erlebt.

Sie haben sich über die Fasnacht viele nüchterne Gedanken gemacht und sogar schon einen Text über die närrische Zeit geschrieben. Was bedeutet denn Fasnacht für Sie?
Fasnacht war früher, im Mittelalter, ein Fest der einfachen Leute. Mit diesem Fest haben sie sich gegen das Gesetz, gegen die Moral und auch gegen die katholische Kirche aufgelehnt. Fasnacht war auch die Zeit, in welcher der Bauch alles bestimmte. Heute ist die Fasnacht natürlich keine Auflehnung gegen die Kirche mehr. Sie ist überall ein sehr regionaler Anlass, hat in jeder Region einen anderen Charakter. Man kann sagen: Die Fasnacht ist ein Lokalmatador.

Welchen Charakter hat die Fasnacht denn im Tessin?
Im Tessin heisst die Fasnacht Carnevale und ist Rambazamba. Das Wort Carnevale kommt übrigens von carne vale, was auf Deutsch «es gilt das Fleisch» heisst. Früher bedeutete dies, dass man vor der Fastenzeit noch einmal so richtig geschlemmt hat. Zurück zum Tessin: Dort gibt es drei kleine Restaurants, die ich regelmässig besuche. Wenn ich dort Wasser bestelle, bringt man mir trotzdem Wein und sagt, man sei es sich nicht gewohnt, Wasser zu servieren. Montagmorgen und Wein – das passt für mich aber nicht zusammen. Wein trinke ich höchstens an einem Feiertag. Die Tessiner sind anders. Sie trinken viel Wein und natürlich nach dem Essen auch viel Grappa. Ich denke, so ist es auch an der Fasnacht.

Und nördlich des Gotthards?
In der Deutschschweiz ist natürlich Bier das typische Fasnachtsgetränk.

Und welches Genussmittel bevorzugen Sie?
Ab und zu geniesse ich ein Glas Wein oder ein Guinness-Bier. Aber ich muss meine Zuschauer enttäuschen: So viel Kraft und Energie ich auf der Bühne habe, so unspektakulär bin ich im Alltag: Ich lese gerne, ich schwimme, fotografiere hobbymässig. Und ich schreibe jeden Tag mit der Tinte. Schreiben ist für mich etwas Erotisches, also auch eine Art Genussmittel.

Woher kommt die Energie, die Ihnen auf der Bühne zur Verfügung steht?
Wenn ich auf der Bühne ein Kamel, eine Schlange, Blocher, Calmy-Rey oder Frau Sommaruga spiele, gibt mir mein Körper Adrenalin. Das ist auch ein Genussmittel.

Über die grössten Fasnächtler haben wir noch gar nicht gesprochen: Was sagen Sie zur Basler Fasnacht?
Die Basler bereiten sich während des ganzen Jahres seriös auf die Fasnacht vor; ihre drei schönsten Tage sind stark geprägt von Tradition, Ordnung und Organisation ...

... und bestimmt auch von den «Schnitzelbängg»?
Natürlich, die «Schnitzelbängg» sind eine wichtige Tradition. Sie dienten einst der Überwachung der Obrigkeit, der Behörden. Über die machte man sich an der Fasnacht lustig. Denn es galt: Der Narr ist der König – der König der Worte, nicht des Gesetzes.

Gilt das heute nicht mehr?
Die ursprüngliche Aufgabe der Fasnacht nehmen heute viele wahr: Kabarettisten, Schriftsteller, Journalisten, Oppositionelle – alle dürfen heute die Mächtigen kritisieren.

Also herrscht das ganze Jahr hindurch Fasnacht?
Ja, in einem gewissen Sinn kann man das so sagen. Der Mensch ist beweglicher geworden, lauter – ich weiss nicht, ob er auch freier geworden ist. Und so ist die Fasnacht heute auch ein wichtiger Anlass für den Tourismus und für die Wirtschaft.

Mehr nicht?
Doch, natürlich. An der Basler Fasnacht gibt es eine fantastische Nacht, in der es morgens um vier Uhr plötzlich dunkel wird. Das ist ein mystischer Moment, ein philosophischer Moment. Hier, am «Morgestraich», erfährt man etwas – und ohne Erfahrung gibt es keine Philosophie. Was mir gefällt: Dank der Fasnacht spielt jedes Basler Kind Musik – auf der Trommel oder mit dem Piccolo.

Sie wohnten auch schon in Bern. Welchen Eindruck macht die Fasnacht in der Bundesstadt auf Sie?
In Bern ist die Fasnacht «e sehr härzigi Sach» – viel ruhiger als beispielsweise im Ticino. Die Berner haben sich gesagt: «Mir wei ou öppis mache», haben Fasnacht gemacht und geniessen diese. Aber natürlich ist die Fasnacht in Bern keine Religion. In Basel ist sie das sehr wohl.

In Luzern doch auch?
Ja, obwohl ich gestehen muss, dass ich die Luzerner Fasnacht nicht sehr gut kenne. Eines fällt aber auf: In der Schweiz haben die Feste generell viel mit der Region zu tun, mit der Landschaft, in der sie stattfinden. Aber die Schweiz ist sehr urban geworden, sogar im Wallis. Die Menschen wohnen nicht mehr auf dem Land und arbeiten auf dem Feld. Die Menschen leben in der Stadt und arbeiten bei einer Bank. Und in der Schweiz haben die Menschen Geld, viel Geld – und das wollen sie ausgeben ...

... und sie wollen auch unterhalten werden.
Ja, auch für Unterhaltung geben die Menschen viel Geld aus. Davon profitiert das Showbusiness, das Theater, die Fasnacht. Und daraus entsteht eine Pflicht: die Pflicht zu unterhalten. Eigentlich sollte man in jeder Stadt jedes Jahr lange Wochen Fasnacht feiern und jedes Mal viele ausländische Touristen einladen.

Massimo Rocchi

Er studierte Theaterwissenschaften und wird in diesem Frühling 54 Jahre alt. Er ist Italiener, lebt in Basel und darf sich neuerdings Doktor nennen: Die Philosophische Fakultät der Universität Fribourg hat Massimo Rocchi im letzten November nämlich den Ehrentitel Dr. honoris causa verliehen. In seinen Shows thematisiert Rocchi gerne Klischees über Nationalitäten. Er weiss genau, wo die Menschen wie ticken. Und er spielt mit den Sprachen, wobei er sowohl Hochdeutsch und Schweizer Dialekt als auch Französisch, Spanisch und Italienisch munter mixt.
www.massimorocchi.ch