Durst 12/2020

28  Markt & Trends Kolumne Claudio Del Principe schreibt über eine falsch interpretierte Redensart Andere kochen auch nur mit Wasser Die Redensart, dass andere auch nur mit Wasser kochen, soll beruhigend wirken. Man will sich versichern, dass Mitstreiter oder Konkurrenten dieselben Voraussetzungen haben wie man selbst. Und sie daher nichts Besseres zustande bringen. Eine fatale Einstellung. D er Ursprung dieser umgangssprach­ lichen Redensart geht vermutlich auf eine Zeit zurück, in der weniger wohl­ habende Menschen es sich nicht leisten konn­ ten, mit Fleischbrühe oder gar Wein zu kochen. Sie mussten gewöhnliches Wasser für die Zu­ bereitung ihrer Speisen verwenden. Wenn man sich also selbst unzulänglich fühlt oder meint, andere könnten etwas besser oder sind etwas Besonderes, sagt man leichthin: «Andere ko­ chen auch nur mit Wasser». Gerade im kulina­ rischen und gastronomischen Bereich ist das natürlich kompletter Mumpitz. Man rechtfer­ tigt damit nur die eigene Mittelmässigkeit. Es fängt schon mal damit an, dass Wasser nicht gleich Wasser ist. Jeder, der einen an­ ständigen Espresso liebt, weiss, dass der Här­ tegrad des Wassers darüber entscheidet, ob man den Kaffee trinken oder gleich wegschüt­ ten kann. Redet man mit einem Wassersom­ melier, wird auch schnell klar, dass Wasser unterschiedlichste Charaktere und vielfältige Geschmacksnuancen aufweist. Das Beste herausholen Aber abgesehen von den physikalischen, sen­ sorischen und geschmacklichen Eigenschaf­ ten, hinkt der vergleichende Spruch gewaltig. Besser trifft es da folgende Redewendung: «Das gleiche heisse Wasser, das die Kartoffeln weich kocht, macht das Ei hart.» Soll heissen, es kommt nicht auf die Umstände an, sondern auf das Holz, aus demman geschnitzt ist. Und schliesslich darf man niemals ausser Acht las­ sen oder unterschätzen, was man beim Kochen durch Kreativität, Kombination, Sorgfalt, Hand­ werk und Kochtechnik aus ein- und derselben Zutat herauskitzeln kann. Wie oft sitzt man im Restaurant vor einer sim­ plen Rösti und denkt sich: Heiterefahne! Ist es denn so schwer, eine gute Rösti zu braten? Ja, anscheinend schon. Jede einzelne Zutat, jeder einzelne Schritt, von der Kartoffel über das Fett bis zur verwendetenPfanne, der Tempera­ tur bis hin zur Sorgfalt des Kochs oder der Kö­ chin, entscheidet über die Güte und Qualität des vermeintlich banalen Gerichts. Sich also zu sagen, die anderen kochen auch nur mit Was­ ser, bringt gar nichts. Vielmehr sollte die Frage lauten: Wie holen wir mit dem, was uns zur Verfügung steht, das absolut Beste heraus?

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